Ein Ausflug in die Geschichte

Living History (das möglichst authentische Nachstellen des Lebens und Wirkens der Menschen in einem definierten Zeitabschnitt der Geschichte) wird in Bezug auf das Römische Reich vor allem in den Gebieten Deutschlands betrieben, die nachweislich zumindest zeitweise unter römischer Herrschaft waren. Dazu zählen insbesondere die Gebiete westlich des Rheins, südlich der Donau sowie die Nordseeküste und das Maingebiet.

Laut dem aktuellen Stand der Archäologie gab es wohl nie eine längerfristige Präsenz römischer Truppen auf dem Boden des heutigen Sachsens. Allenfalls sind Durchmärsche, Erkundungsexpeditionen sowie kurzfristige Aufenthalte entlang der Elbe bekannt.
Tatsache ist aber, dass es bereits seit Beginn der Besetzung Germaniens Pläne gab, den römischen Einflussbreich bis zur Elbe auszudehnen.
Im Jahr 6 n. Chr. führte der römische Heerführer Tiberius 8 Legionen von Süden her gegen die im heutigen böhmischen Gebiet lebenden Markomannen, während 5 weitere Legionen, zu denen wahrscheinlich auch Legio XVII gehörte, von Norden her entlang der Elbe heranmarschierten.
Dieser Feldzug, dessen erfolgreicher Abschluss die Elbe als neue römische Grenze manifestiert hätte, musste aufgrund eines plötzlich aufflackernden Volksaufstands in den Provinzen Pannonien und Dalmatien kurzfristig abgebrochen werden. Tiberius schloss einen Friedensvertrag mit dem Markomannenkönig Marbod und zog seine Legionen zurück, jedoch mit dem festen Willen, das Vorhaben zu einem späteren Zeitpunkt zu Ende zu bringen.

Früheste Version des Helmtyps Weisenau, Rekonstruktion von Wulflund
Früheste Version des Helmtyps Weisenau, wie ihn die Soldaten der LEG XVII trugen, Rekonstruktion von Wulflund
Foto: R. Schulze, 2014
Noch während ein Großteil der abgezogenen Truppen den langwierigen Aufstand auf dem Gebiet der Balkanhalbinsel bekämpfte, kam es in Germanien im Herbst des Jahres 9 n. Chr. zur Katastrophe.
Publius Quinctilius Varus, Statthalter in Germanien, ließ sich von seinem Vertrauten, dem Cheruskerfürsten Arminius, der als Auxiliar-Offizier in der römischen Armee diente, in eine Falle locken. Alle Warnungen in den Wind schlagend zog er mit drei Legionen inkl. Hilfstruppen, die auf dem Weg in ihre Winterquartiere am Rhein waren, in unwegsames, unbekanntes Gelände um einen vermeintlichen germanischen Aufstand im Keim zu ersticken. Die Truppen gerieten in einen Hinterhalt und wurden in tagelangen Scharmützeln aufgerieben. Am Ende waren mehr als 22.000 römische Legionäre und Auxiliares tot. Auch viele der mitziehenden Zivilisten und zivilen Armeeangehörigen wurden abgeschlachtet oder gerieten in Gefangenschaft.
Varus und seine Offiziere entzogen sich der Gefangennahme, indem sie sich in ihre Schwerter stürzten. Wenige Soldaten konnten dem Gemetzel entkommen und sich bis zum Kastell Aliso durchschlagen. Sie schafften es, dieses gemeinsam mit der Stammbesatzung erfolgreich gegen die angreifenden Germanenstämme zu verteidigen. In einem Gewaltmarsch erreichten sie anschließend den sicheren Rhein.

Bei den vernichteten Legionen handelte es sich um die Legio XVII, XVIII und XIX, von denen nur wenige Männer dem Massaker entkommen konnten. Die drei Legionsadler (Aquila), stolze Standarte einer jeden römischen Legion, wurden von den Germanen geraubt.

Nach der Schlacht eroberten die vereinten Germanenstämme einen Großteil der von den Römern besetzten Gebiete bis zum Rhein zurück und zerstörten zahlreiche Kastelle und Städte.

Erst 5 Jahre später rückten die römischen Truppen unter dem neuen Statthalter Germanicus erneut über den Rhein vor mit dem erklärten Ziel, die in der Varusschlacht erlittene Schmach zu rächen und die verlorenen Gebiete wieder unter Kontrolle zu bringen.
Innerhalb der nächsten 3 Jahre konnten die römischen Legionen tatsächlich die Gebietsverluste wieder rückgängig machen und zahlreiche Schlachten gegen die verfeindeten Germanenstämme für sich entscheiden.
Im Verlaufe der folgenden Jahre und Jahrzehnte konnten auch alle drei Legionsadler wieder zurückerobert werden. Dennoch wurde keine der drei verlorenen Legionen je wieder aufgestellt, teils aus Aberglaube, teils wohl auch als Bestrafung der wenigen entkommenen Soldaten, denen Kaiser Augustus verboten hatte, je wieder italischen Boden zu betreten.

Obwohl Germanicus bereit und überzeugt war, Germanien bis hin zur Elbe endgültig unterwerfen zu können, verweigerte der mittlerweile zum Kaiser ernannte Tiberius seine Zustimmung, da die Kosten und Verluste der Germanenfeldzüge bereits ein kaum noch zu bewältigendes Ausmaß erreicht hatten, während der zu erwartende Nutzen eher gering erschien.
Zu diesem Zeitpunkt endete die römische Expansionspolitik in Germanien, doch erst mit dem Bau des Limes entlang des Rheins und der Donau am Ende des 1. Jh. n. Chr. wurde der Anspruch auf die germanischen Gebiete bis hin zur Elbe endgültig aufgegeben.

Neueste archäologische Funde z.B. im Bereich des Harzes deuten jedoch darauf hin, dass auch in den darauffolgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten die römischen Legionen immer wieder Vorstöße tief in das Gebiet des freien Germaniens unternahmen und dabei mehrmals die Elbe erreichten. Teils wurden diese Feldzüge aus präventiven Gründen geführt, um einem Angriff starker germanischer Verbände auf römisch besetzte Gebiete zuvor zu kommen. Teils waren aber auch insbesondere spätere Kaiser (wie Marcus Aurelius oder Maximinus Thrax) von der Notwendigkeit überzeugt, das freie Germanien zu einer römischen Provinz zu machen, um den unberechenbaren Germanenstämmen endlich Herr zu werden.
So spielte die Elbe als politisches und militärisches Ziel selbst lange Zeit nach der verheerenden Varusschlacht in den Köpfen der Römer weiterhin eine große Rolle.